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Österreich zeigt die Probleme einer Krypto-Steuer
Der Praxistest zeigt: Mehr Steuern bedeuten nicht automatisch mehr Steuereinnahmen.
Wenn in Deutschland über die Abschaffung der Bitcoin-Haltefrist diskutiert wird, muss niemand theoretisieren.
Unser Nachbar Österreich hat diesen Schritt bereits vollzogen.
Seit 2022 werden dort Gewinne aus Kryptowährungen dauerhaft besteuert. Seit 2024 ziehen österreichische Kryptodienstleister die Steuer sogar automatisch für den Staat ein.
Damit ist Österreich der bislang wichtigste Praxistest für die deutsche Diskussion.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Hat sich die Reform bewährt?
Die Antwort fällt deutlich nüchterner aus, als viele erwarten.
Was Österreich geändert hat
Mit der Steuerreform 2022 hat Österreich die bisherige Haltefrist für neu angeschaffte Kryptowährungen abgeschafft.
Seitdem gelten für neu erworbene Bitcoin und andere Kryptowährungen grundsätzlich folgende Regeln:
- Gewinne sind dauerhaft steuerpflichtig.
- Es gilt ein Sondersteuersatz von 27,5 Prozent.
- Verluste können mit anderen Kapitalerträgen verrechnet werden.
- Seit 2024 führen österreichische Kryptodienstleister die Steuer automatisch an den Staat ab.
Gleichzeitig wurde ein wichtiger Punkt berücksichtigt:
Bereits vorhandene Bitcoin-Bestände blieben geschützt.
Wer seine Bitcoin bereits vor dem Stichtag gekauft hatte, durfte sie weiterhin nach den alten Regeln steuerfrei verkaufen.
Auch Österreich erkannte also an, dass Bestandsschutz notwendig ist.
Der große Realitätstest
Auf den ersten Blick klingt die Reform nach einer attraktiven Einnahmequelle.
Die Realität sieht jedoch anders aus.
Im Jahr 2024 – einem ausgesprochen starken Bitcoin-Jahr mit hohen Kursen und vielen Gewinnmitnahmen – nahm Österreich durch die Kryptosteuer lediglich
33,8 Millionen Euro
ein.
Das entspricht gerade einmal
0,57 Prozent
des gesamten österreichischen Kapitalertragsteueraufkommens.
Anders formuliert:
Selbst in einem außergewöhnlich guten Marktjahr spielte die Kryptosteuer für den österreichischen Staatshaushalt praktisch keine Rolle.
Was würde das für Deutschland bedeuten?
Überträgt man diese Erfahrungen vorsichtig auf Deutschland, ergibt sich eine Größenordnung von ungefähr
100 bis 110 Millionen Euro pro Jahr.
Natürlich ist ein direkter Vergleich nie vollständig möglich.
Deutschland ist größer.
Es gibt mehr Anleger.
Andere Marktstrukturen.
Dennoch zeigt Österreich sehr deutlich, in welcher Größenordnung sich die tatsächlichen Einnahmen bewegen könnten.
Das steht im deutlichen Gegensatz zu den Zahlen, die derzeit in Deutschland diskutiert werden.
So wurden in der politischen Debatte unter anderem folgende Beträge genannt:
- rund 2 Milliarden Euro durch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen Finanzkriminalität),
- mindestens 5 Milliarden Euro im Gesetzentwurf der Grünen,
- sowie sogar 11,4 Milliarden Euro in einer viel diskutierten Studie.
Vor dem Hintergrund der österreichischen Erfahrungen erscheinen diese Erwartungen äußerst ambitioniert.
Österreich selbst erwartete nie hunderte Millionen Euro
Interessanterweise stammen die höchsten Zahlen gar nicht aus Österreich.
Die österreichische Bundesregierung selbst ging von deutlich geringeren Einnahmen aus.
In der offiziellen Folgenabschätzung zur Reform wurden lediglich erwartet:
- 5 Millionen Euro für 2023
- 10 Millionen Euro für 2024
- 30 Millionen Euro für 2025
Das tatsächliche Steueraufkommen von 33,8 Millionen Euro im Jahr 2024 liegt damit sogar leicht über der ursprünglichen Erwartung.
Immer wieder taucht jedoch die Behauptung auf, Österreich habe sich Einnahmen von bis zu 300 Millionen Euro erhofft.
Das stimmt nicht.
Diese Zahl stammt weder aus einem Gesetz noch aus einer Regierungsprognose.
Sie geht auf einen journalistischen Lesefehler aus dem Jahr 2021 zurück und wurde seitdem vielfach ungeprüft übernommen.
Für die deutsche Debatte ist das wichtig.
Denn auch ohne diese falsche Zahl zeigt Österreich bereits sehr deutlich:
Eine höhere Besteuerung von Kryptowährungen führt nicht automatisch zu hohen zusätzlichen Steuereinnahmen.
Viel Aufwand für Banken und Börsen
Den vergleichsweise geringen Einnahmen stand ein erheblicher technischer Aufwand gegenüber.
Österreichische Banken und Kryptodienstleister mussten ihre Systeme vollständig umbauen.
Sie mussten unter anderem:
- Anschaffungskosten speichern,
- Durchschnittskurse berechnen,
- Alt- und Neubestände unterscheiden,
- Steuerberichte erstellen,
- die Kapitalertragsteuer automatisch berechnen und abführen.
Vor allem Bitpanda investierte erhebliche Ressourcen in die Umsetzung.
Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth bezeichnete die Abschaffung der Haltefrist später öffentlich als eine „extrem dumme Entscheidung“, weil sie enorme Entwicklungsressourcen gebunden habe.
Das eigentliche Problem bleibt bestehen
Auch Österreich konnte ein grundlegendes Problem nicht lösen.
Der automatische Steuerabzug funktioniert nur dann, wenn die Kryptowährungen bei einem österreichischen Anbieter liegen.
Wer dagegen
- internationale Börsen nutzt,
- seine Bitcoin selbst verwahrt,
- oder Wallets zwischen verschiedenen Plattformen bewegt,
fällt nicht automatisch unter dieses System.
Gerade Deutschland dürfte hiervon noch stärker betroffen sein.
Während Bitpanda in Österreich einen sehr hohen Marktanteil besitzt, nutzen deutsche Anleger deutlich häufiger internationale Anbieter wie Coinbase, Kraken, Binance oder Bitget sowie Hardware-Wallets in Eigenverwahrung.
Genau diese internationale Struktur erschwert die automatische Steuererhebung erheblich.
Was Deutschland daraus lernen kann
Österreich zeigt keineswegs, dass eine Kryptosteuer technisch unmöglich wäre.
Sie funktioniert grundsätzlich.
Aber Österreich zeigt ebenso deutlich,
- dass die tatsächlichen Steuereinnahmen vergleichsweise gering bleiben,
- dass Banken und Kryptodienstleister erhebliche technische Investitionen leisten müssen,
- dass internationale Anbieter und Self-Custody weiterhin erhebliche Vollzugslücken schaffen,
- und dass eine Abschaffung der Haltefrist längst keine sprudelnde neue Steuerquelle eröffnet.
Gerade deshalb sollte Deutschland die österreichischen Erfahrungen sorgfältig analysieren, bevor ähnliche Regelungen übernommen werden.
Fazit
Österreich liefert den bislang besten Praxistest für die deutsche Diskussion um die Bitcoin-Haltefrist.
Die Erfahrungen zeigen:
Eine Abschaffung der Haltefrist ist technisch umsetzbar.
Sie führt jedoch weder automatisch zu hohen zusätzlichen Steuereinnahmen noch beseitigt sie die praktischen Probleme bei internationalen Börsen oder selbst verwahrten Wallets.
Dem vergleichsweise geringen Steueraufkommen stehen erhebliche Umstellungskosten für Banken, Kryptobörsen und Verwaltung gegenüber.
Wer in Deutschland eine ähnliche Reform fordert, sollte deshalb nicht nur über mögliche Mehreinnahmen sprechen.
Er sollte ebenso offen darlegen,
- welche Kosten entstehen,
- welche technischen Probleme bestehen,
- und warum die Erfahrungen aus Österreich künftig anders ausfallen sollten als bisher.
Quellen und weiterführende Informationen
- Österreichisches Ökosoziales Steuerreformgesetz 2022
- § 27b EStG (Österreich)
- BMF Österreich – Steuerliche Behandlung von Kryptowährungen
- Parlamentarische Anfragebeantwortung 1948/AB (Steueraufkommen 2024)
- Wirkungsorientierte Folgenabschätzung (WFA) zur Regierungsvorlage 1293 d.B.
- Budgetdienst des österreichischen Parlaments
- EY Crypto & Digital Assets Report 2025
- BT-Drs. 21/5752 (Gesetzentwurf Bündnis 90/Die Grünen)
- Bundesfinanzministerium Deutschland – Pressekonferenz 29.04.2026