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Milliarden aus der Krypto-Steuer? Warum die aktuellen Schätzungen auf wackeligen Beinen stehen
In der politischen Debatte um die Zukunft der einjährigen Haltefrist für Bitcoin und andere Kryptowährungen taucht immer wieder eine Zahl auf: Dem deutschen Staat würden angeblich jährlich bis zu 11,4 Milliarden Euro an Steuereinnahmen entgehen.
Diese Zahl entfaltet Wirkung. Sie findet Eingang in politische Diskussionen, wird in Medien aufgegriffen und dient als Argument für eine Abschaffung der steuerfreien Veräußerung nach Ablauf der Haltefrist.
Doch wie belastbar sind diese Schätzungen tatsächlich?
Keine belastbare wissenschaftliche Grundlage
Wer die aktuelle Debatte genauer verfolgt, stellt schnell fest: Es existiert bislang keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung, die die behaupteten Milliardenbeträge seriös belegt.
Die derzeit am häufigsten zitierte Datengrundlage ist der „Crypto Tax Report 2025 Germany“ des österreichischen Steuer-Software-Anbieters Blockpit.
Dabei handelt es sich nicht um eine peer-reviewte wissenschaftliche Studie, sondern um einen Unternehmensbericht eines kommerziellen Anbieters von Krypto-Steuersoftware. Die darin enthaltenen Zahlen werden inzwischen jedoch vielfach wie wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse behandelt.
Gerade bei steuerpolitischen Entscheidungen mit erheblicher Tragweite sollte jedoch zwischen wissenschaftlicher Evidenz und unternehmerischen Marktanalysen unterschieden werden.
Die Blockpit-Daten sind nicht repräsentativ für Deutschland
Die Blockpit-Studie basiert nach eigenen Angaben auf den Daten von rund 10.000 deutschen Nutzerkonten.
Diese Daten werden anschließend auf die geschätzt sieben Millionen deutschen Krypto-Nutzer hochgerechnet.
Eine zentrale Frage bleibt dabei unbeantwortet:
Sind Nutzer einer Krypto-Steuersoftware überhaupt repräsentativ für die Gesamtheit aller deutschen Bitcoin- und Krypto-Anleger?
Wer Bitcoin langfristig hält, wenige Transaktionen durchführt und nach Ablauf der Haltefrist steuerfrei verkauft, benötigt häufig keine spezialisierte Steuersoftware.
Dagegen nutzen vor allem:
- aktive Trader,
- DeFi-Nutzer,
- Staker,
- Anleger mit vielen Transaktionen,
- Personen mit komplexen steuerlichen Sachverhalten
entsprechende Softwarelösungen.
Die Nutzerbasis von Blockpit dürfte daher eher jene Anleger abbilden, die überhaupt ein steuerliches Problem lösen müssen.
Ob diese Gruppe repräsentativ für Millionen deutscher Bitcoin- und Krypto-Anleger ist, wurde bislang nicht nachgewiesen.
Von 10.000 Nutzern auf 7 Millionen Krypto-Besitzer
Die Blockpit-Studie basiert nach eigenen Angaben auf den Daten von rund 10.000 deutschen Nutzerkonten. Gleichzeitig werden die Ergebnisse auf die geschätzt sieben Millionen deutschen Krypto-Besitzer übertragen.
Damit erfolgt eine Hochrechnung von etwa 10.000 Datensätzen auf eine Population, die rund 700-mal größer ist.
Eine solche Hochrechnung kann grundsätzlich zulässig sein – vorausgesetzt, die untersuchte Stichprobe ist repräsentativ für die Gesamtheit der betrachteten Personen.
Genau daran bestehen jedoch erhebliche Zweifel.
Nutzer einer Krypto-Steuersoftware unterscheiden sich typischerweise vom durchschnittlichen Krypto-Anleger. Wer eine solche Software verwendet, hat häufig:
- größere Portfolios,
- viele Transaktionen,
- steuerpflichtige Handelsaktivitäten,
- Staking-, DeFi- oder sonstige komplexe Vorgänge,
- einen erhöhten Dokumentations- und Erklärungsbedarf.
Dagegen benötigen viele Anleger, die Bitcoin langfristig kaufen und halten, oftmals überhaupt keine spezialisierte Steuersoftware. Wer wenige Transaktionen tätigt und Vermögenswerte langfristig hält, hat regelmäßig deutlich geringeren Dokumentationsaufwand.
Die Studie selbst weist für ihre Nutzer ein durchschnittliches Portfolio von rund 57.200 Euro aus. Ob dieses Profil tatsächlich die Struktur der gesamten deutschen Bitcoin- und Krypto-Community widerspiegelt, bleibt offen.
Gerade deshalb ist die Frage nach der Repräsentativität der Stichprobe von zentraler Bedeutung. Ohne einen belastbaren Nachweis, dass die untersuchten Nutzer die Gesamtheit der deutschen Krypto-Anleger angemessen abbilden, sind Hochrechnungen auf Millionen Bürger mit entsprechender Vorsicht zu interpretieren.
Der deutsche Marktführer ist nicht Blockpit
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt:
Blockpit ist nicht die einzige und auch nicht die größte Krypto-Steuersoftware im deutschsprachigen Markt.
Als Marktführer gilt seit Jahren CoinTracking, dessen Nutzerzahlen deutlich über denen von Blockpit liegen.
Die Daten von CoinTracking wurden jedoch bislang nicht veröffentlicht und finden sich in den politischen Debatten nicht wieder.
Es ist daher unklar, ob die Nutzerstruktur von Blockpit überhaupt typisch für den deutschen Markt ist oder ob sich daraus erhebliche Verzerrungen ergeben.
Vermögende Anleger sind überproportional vertreten
Die Blockpit-Studie weist selbst ein durchschnittliches Portfolio von rund 57.200 Euro pro Nutzer aus.
Der Median liegt dagegen lediglich bei rund 13.000 Euro.
Diese große Differenz zeigt, dass wenige große Portfolios den Durchschnitt erheblich nach oben ziehen.
Genau dadurch entsteht die Gefahr, dass aus den Daten besonders vermögender und besonders aktiver Anleger Rückschlüsse auf Millionen durchschnittlicher Nutzer gezogen werden.
Für politische Entscheidungen wäre jedoch entscheidend zu wissen, wie die tatsächliche Vermögens- und Gewinnverteilung innerhalb der deutschen Bitcoin- und Krypto-Community aussieht.
Ein Bullenmarkt ist kein Normalzustand
Ein weiterer Schwachpunkt der aktuellen Schätzungen besteht darin, dass sie sich weitgehend auf das außergewöhnliche Marktumfeld des Jahres 2024 stützen.
2024 war geprägt von:
- neuen Allzeithochs,
- stark steigenden Kursen,
- erheblichen Realisationsgewinnen,
- außergewöhnlich hohen Handelsvolumina.
Doch Kryptowährungen unterliegen starken Marktzyklen.
Während in einem Bullenmarkt hohe Gewinne entstehen, können in Bärenmärkten erhebliche Verluste auftreten.
Wer seriös über langfristige Steuerpotenziale sprechen möchte, darf deshalb nicht ausschließlich das erfolgreichste Marktjahr betrachten.
Eine belastbare Analyse müsste mehrere Marktzyklen umfassen und sowohl Gewinn- als auch Verlustjahre berücksichtigen.
Andernfalls besteht die Gefahr, temporäre Bullenmarktgewinne mit dauerhaft verfügbaren Steuereinnahmen zu verwechseln.
Offene Fragen zur Methodik
Der Bitcoin Bundesverband hat deshalb in einem offenen Brief an Blockpit und Professor Co-Pierre Georg zahlreiche Fragen zur Methodik gestellt.
Bis heute fehlen unter anderem Antworten auf folgende Punkte:
- Wie wurden die Datensätze ausgewählt?
- Wie wurde die steuerliche Ansässigkeit der Nutzer überprüft?
- Wie wurde die Vollständigkeit der Daten sichergestellt?
- Wie wurden Doppelzählungen ausgeschlossen?
- Welche statistischen Unsicherheiten bestehen?
- Welche Fehlermargen haben die Hochrechnungen?
- Wie verteilen sich die Gewinne tatsächlich?
- Welche Verhaltensänderungen der Anleger wurden berücksichtigt?
- Welche Auswirkungen hätten Ausweichreaktionen oder geringere Investitionen?
- Wurden die Ergebnisse unabhängig wissenschaftlich validiert?
Gerade weil die genannten Milliardenbeträge mittlerweile erheblichen politischen Einfluss entfalten, wäre eine transparente Beantwortung dieser Fragen dringend erforderlich.
Politik braucht belastbare Zahlen statt Schätzungen
Niemand bestreitet, dass Kryptowährungen steuerliche Fragestellungen aufwerfen.
Ebenso wenig bestreitet jemand, dass der Staat ein legitimes Interesse an einer sachgerechten Besteuerung hat.
Doch steuerpolitische Entscheidungen sollten auf belastbaren Daten beruhen.
Derzeit existiert keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung, die zweifelsfrei belegt, dass Deutschland jährlich Milliardenbeträge in der oft genannten Größenordnung entgehen.
Statt auf einzelne Unternehmensstudien und Hochrechnungen zu vertrauen, sollte zunächst eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt werden.
Was jetzt notwendig wäre
Eine solche Untersuchung sollte insbesondere auf einer Datengrundlage beruhen, die die tatsächliche Breite der deutschen Bitcoin- und Krypto-Community abbildet. Daten einzelner Steuer-Software-Anbieter können dabei wertvolle Hinweise liefern, ersetzen jedoch keine repräsentative Untersuchung des Gesamtmarktes. Ziel muss es sein, belastbare Erkenntnisse über Anlegerverhalten, Haltedauern, Gewinnrealisierungen und mögliche Steuerwirkungen zu gewinnen, bevor weitreichende steuerpolitische Entscheidungen getroffen werden.
Derzeit ist nicht belastbar bekannt, wie hoch mögliche Steuermehreinnahmen tatsächlich ausfallen würden. Die bisher diskutierten Schätzungen beruhen auf Hochrechnungen einer vergleichsweise kleinen Nutzergruppe und lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Gesamtheit der deutschen Bitcoin- und Krypto-Anleger zu.
Bevor über die Abschaffung der Haltefrist oder andere grundlegende Änderungen der Besteuerung entschieden wird, sollte daher eine unabhängige wissenschaftliche Studie beauftragt werden. Diese sollte auf einer breiten und repräsentativen Datengrundlage basieren, mehrere Marktzyklen berücksichtigen, unterschiedliche Steuermodelle analysieren und ihre Methodik vollständig transparent offenlegen.
Steuerpolitische Entscheidungen mit erheblichen Auswirkungen auf Millionen Anleger und den Innovationsstandort Deutschland sollten auf belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen – nicht auf Hochrechnungen, deren Aussagekraft und Repräsentativität bislang ungeklärt sind.
Quellen: